VOM ZUTRAUEN, SEIN LEBEN UMZUSTELLEN- 5 Fragen an Dr. Julia Voss

Portraitfoto Dr Julia Voss mit ihrem aktuellen Buch: Hilma af Klint - " Die Menschheit in Erstaunen versetzen"
#Mindset

Begeisterung, Leidenschaft, Passion sind drei Dinge, die das Leben von Frau Dr. Julia Voss auszeichnen. Mit Mitte 40 und als leitende Journalistin bei der FAZ, beschloss sie ihrem Berufsweg eine neue Wendung zu geben: Zurück in die Wissenschaft und mit großem Engagement für eine bis dahin unterschätzte Künstlerin eintreten. Mittlerweile wurden ihre Arbeiten über Hilma af Klint mit namhaften Preisen ausgezeichnet und ihre Biografie über die Künstlerin ist ein Spiegel Bestseller geworden.

Liebe Frau Dr. Voss, Sie leben einen spannenden beruflichen Weg. Sie haben eine sichere Stelle bei der FAZ gekündigt, um sich ganz der Erforschung des Werkes der schwedischen Künstlerin Hilma af Klint zu widmen und eine Biografie über sie zu schreiben. Für viele ein mutiger Schritt in eine neue berufliche Richtung. Hatten Sie dabei mit Zweifeln zu kämpfen, oder brannten Sie so für diese Aufgabe, dass es keine Frage für Sie war? 

Dr. Julia Voss: Zweifel hatte ich nicht, Sorgen schon. Es gab viel, das ich nur schwer einschätzen konnte. Schwedisch zu lernen empfand ich als die größte Herausforderung.

Was hat Sie am meisten an dieser Aufgabe begeistert?

Dr. Julia Voss: Meine Leidenschaft für Hilma af Klint hatte von Anfang zwei Seiten. Auf der einen Seite Freude und Glück über ihre Kunst. Auf der anderen die Wut darüber, dass dieses bahnbrechende Werk so lange als unbedeutend abgetan worden ist. Welche Hebel in Bewegung gesetzt werden müssen, um Künstlerinnen derart an den Rand abzudrängen, wollte ich herausfinden. Es ist eine Geschichte von Macht und Kleinlichkeit. Zum Glück gab es 2018 die große Ausstellung im Guggenheim Museum in New York: „Hilma af Klint: Paintings for the Future“. Sie brach mit mehr als 600 000 Besuchern alle Rekorde und wurde zur erfolgreichsten Schau in der Geschichte des Museums. Die Außenseiterin ist nun ein Star. Mein Buch ist ein Spiegel-Bestseller geworden. Das konnte ich nicht wissen, als ich anfing zu recherchieren.  

Was haben Sie durch Hilma af Klint gelernt?

Dr. Julia Voss: Als die Künstlerin entschied, ihr Leben auf den Kopf zu stellen, war sie 44 Jahre alt. Sie hat 1906 mit ihrer akademischen Ausbildung gebrochen und angefangen, abstrakt zu malen. Das hat mir Mut gemacht, ich war fast gleichalt, als ich meinen Job kündigte. Ich mag bis heute Geschichten von Menschen, die sich trauen, ihr Leben umzustellen. Außerdem hatte Hilma af Klint hatte die große Gabe, in Anfängen zu denken. Noch mit siebzig Jahren schmiedete sie Pläne und entwarf für ihre Malerei ein spiralförmiges Gebäude, das dem Guggenheim Museum ähnlich sieht. Sie hat nie aufgegeben. Ihre Begeisterung für Neues war immer größer als ihr Hadern mit den Zeitgenossen.

Was meinen Sie, worauf es im beruflichen Leben ankommt? 

Dr. Julia Voss: Begeisterung. Überzeugung. Mit Menschen zusammenzuarbeiten, die man schätzt und denen man vertrauen kann. Dazu zählt auch gleiche Bezahlung. Es ist immer noch sehr üblich, Frauen schlechter zu bezahlen und ihnen gleichzeitig mehr Arbeit auf den Tisch zu legen.

Was würden Sie Frauen empfehlen, die sich beruflich auf einen neuen Weg machen wollen?

Dr. Julia Voss: Sich viel umzuhören, Gespräche mit Menschen zu führen, die auf dem Feld arbeiten, in das man wechseln möchte. Man kann nicht alles im Voraus planen. Aber bevor man einen großen Schritt unternimmt, sollte man sich ein Bild davon machen, wie man sich in etwa die nächsten zwei Jahre vorstellt. Das macht den Kopf frei.

Vielen Dank, liebe Frau Dr. Voss, für dieses spannende Interview.

About:

Frau Dr. Julia Voss hat über viele Jahre das Kunstressorts bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung geleitet und war stellvertretende Leiterin des Feuilletons. Nach über 10 Jahren Zeitungsarbeit kehrte sie in die Wissenschaft zurück und widmete sich ganz den Studien der weltberühmten, aber lange unbeachteten schwedischen Künstlerin Hilma af Klint. Derzeit ist Dr. Julia Voss als Honorarprofessorin an der Leuphana Universität tätig und schreibt regelmäßig die Kunstkolumne „Fragen Sie Julia Voss“ in der Frankfurter Sonntagszeitung.

Ihr Buch: Hilma af Klint – “ Die Menschheit in Erstaunen versetzen“ aus dem S. Fischer Verlag ist nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2020.

Das Portraitfoto wurde von Philipp Deines aufgenommen.

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